Der legendäre Dammkarwurm

Zwei Zeiten, ein Bild: Die Firma Mammut hat kürzlich ein historisches Foto vom legendären Dammkarwurm nachgestellt. Eine Reihe Freiwilliger ist dafür Modell gestanden. MONTE ist mitgelaufen und erzählt die Geschichte der beiden Fotos.

Es ist 3.30 Uhr, als in der Mittenwalder Turnhalle das Licht angeht. Gut 100 Leute quälen sich aus ihren Schlafsäcken und schlüpfen in ihre Softshell- und Fleece-Klamotten. Wegen der Lawinengefahr, die im Tagesverlauf ansteigt, haben die Organisatoren den Start der Skitour in die frühen Morgenstunden vorverlegt. Die Kunden und Mitarbeiter von zehn Mammut-Stores aus ganz Deutschland sind am Vortag zum Teil zwölf Stunden lang mit dem Bus angereist. Für den Abend war eine  Geburtstagsparty zum 150-jährigen Bestehen des Schweizer Bergsportausrüsters angekündigt. Doch da lagen alle schon in ihren Schlafsäcken.

Um 4.30 Uhr macht sich die Karawane im Licht der Stirnlampen auf den Weg ins Dammkar. Vor allem die Nordlichter aus Berlin, Köln oder Leizpig haben wenig bis gar keine Skitouren-Erfahrung, daher wird jede Store-Gruppe von einem Bergführer begleitet. Die sieben Kilometer lange Freeride-Abfahrt durchs Dammkar sei wegen Vereisung gesperrt, hat es am Vorabend geheißen. Soll das wirklich heißen, dass alle mit der Gondel wieder runterfahren müssen?
So etwas hätte es zu Heinis Zeit nicht gegeben. Heinrich Hornsteiner war ab 1952 Wirt der Dammkarhütte, 15 Jahre vor dem Bau der Karwendelbahn. „Früher waren an manchen Tagen 4000 bis 5000 Menschen im Dammkar“, erzählt der 79-jährige Mittenwalder. Die Skibergsteiger aus dem Oberland oder aus München waren teils mit Sonderzügen angereist. In Anbetracht der Menschenschlangen im Schnee sprach man vom Dammkarwurm. Stolz erinnert sich Heini an die Skirennen mit internationaler Beteiligung, besonders an den Slalom durchs Kanonenröhrl, wie der untere Teil der der Abfahrt heißt. „Anfangs hatten die Leut Holzski und Lederstiefel. In denen hast nie Blasen bekommen. Das kam erst mit dem Plastik.“ Und warum haben die Menschen auf dem historischen Foto ihre Ski geschultert? „Von ganz unten bis ganz nauf ging eine Stapfspur. Da hast gar keine Felle gebraucht.“

Legendärer Dammkarwurm? Unbekannt
Die Teilnehmer der Mammut-Tour arbeiten sich auf Harscheisen das Kanonenröhrl hoch. Selbst in den Gruppen aus Bad Tölz oder München war der Dammkarwurm kaum jemandem ein Begriff. Sie hätten sich halt für das Shooting gemeldet, weil sie Lust auf eine Skitour hatten und bei so einem Event dabei sein wollten. Kühl sei es jetzt, obwohl der Tag eigentlich mit „zu warm für die Jahreszeit“ angesagt wurde. Aber der Schatten sei wohl der Preis für die imposante Felskulisse.
„Vom 3. Oktober bis 9. März kommt die Sonne nicht ins Dammkar“, weiß Heini ganz genau. „Früher war das eine reine Frühjahrskitour. Vor Ostern ist da keiner rein.“ Früher wurden ja auch nicht die Lawinen weggesprengt, wie man das heute macht, damit die Freerider sich den ganzen Winter über im Dammkar austoben können. „Mei, die Lawinen“, sagt der Heini, „wenn mal ein Schneerutsch die Rennstrecke zugeschüttet hat, dann hat man die Stangen halt noch mal umgesteckt.“ Die Winter sind ohnehin nicht mehr, was sie mal waren. „1965 hat’s in der Osterwoche drei Meter geschneit“, erinnert sich Heini, „drei Meter!“

Am Steilhang oberhalb der Dammkarhütte hat der Fotograf sein Stativ in den Schnee gerammt und die Linie, an der sich die Skifahrer aufstellen sollen, mit gelben Papierfähnchen markiert. Mit einem Abzug des historischen Fotos in der Hand, dirigiert er per Funk den neuen Dammkarwurm deckungsgleich in Position. Anderthalb Stunden dauert es, bis das Bild im Kasten ist. Ein Etappenerfolg fürs Mammut-Marketing, das im Jubiläusmjahr 150 Gipfelevents organisieren und natürlich auch werbewirksam dokumentieren will. Dann setzt sich der Wurmfortsatz wieder in Bewegung, zum Büffet ins Gipfelrestaurant.
In den 1950ern belohnten sich die Skibergsteiger für die 1300 Höhenmeter in der legendären Eisbar. „Da ham’s einen riesigen Tresen und Sitzbänke in den Schnee reingegraben“, raunt Heini. Hochprozentiges auf über 2200 Metern. Im Jahr 2002 ist der  Heini runter von seiner Hütte, auf Tour kann er kaum noch gehen. „Das Alter…“
„Dammkarwurm“ steht neuerdings für ein Skitourenrennen, das der Alpenverein jährlich im Karwendel ausrichtet. Die Latten haben höchstens noch einen Holzkern, die Rucksäcke sind aus Nylon statt Leinen. 2007 durften die Teilnehmer nur hochrennen, nicht runterfahren – weil die Gemeinde die Abfahrt gesperrt hatte. So wie heute. Also geht’s mit der Karwendelbahn wieder ins Tal. „War trotzdem cool“, sagt einer der Berliner. Steigt in den Bus und fährt nach Hause.

_Text: Ingo Wilhelm; Fotos: Mammut; Karwendelbahn

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