Der Skizirkus auf Herbergssuche im Kühtai

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In Zeiten, da der Mensch von Marketing-Strategen zum Fussballspielen in die Wüste geschickt wird, mag es nicht weiter verwundern, dass man dem alpinen Spitzensport in den Nachbarhügeln der Städte frönt. Hauptsache es hat Sponsoren. Und breite Zufahrtstrassen für die Fans und ihre Kuhglocken. Schnee? Macht man mit Kanonen.

An die lächerlichen Bilder von graublauen Eisbändern auf grasgrünen Bergen hat man sich im Ski-Weltcup längst gewöhnt und das Salär der Funktionäre stieg mutmasslich mit der Absurdität der Austragungsorte. Doch dieses Jahr, kurz vor dem Christfest, wurde es selbst den unbeirrbaren Herrschaften des Österreichischen Skiverbandes zu bunt auf den Bergen. Kein bisschen Weiss am Semmering, der traditionellen Sylvester-Station des Weltcup-Zirkus. Und wegen frühlingshafter Temperaturen konnten es für diesmal auch die Kanonen nicht richten.

Fieberhaft wurde also nach Kälte und Schnee gesucht, in dieser Saison ein ganz besonders hoffnungsloses Unterfangen. Gefunden hat man das weisse Gold dann im 2000 Meter hoch gelegenen Kühtai – und zwar nur im Kühtai. Was die Verhandlungsposition des kleinen Hoteldorfes wohl recht angenehm gestaltet hat. Denn natürlich muss, wo Hubschrauber rumknattern und HD-Bilder zu den Flat-Screens der Couch-Athleten senden, der Ort nicht nur die Kulisse, sondern auch die Kohle liefern.

Nun ist das Kühtai an Spektakel dieser Art nur bedingt interessiert. Der Tiroler Geheimtipp ist nicht erst im Klimawandel von einer treuen Klientel gut gebucht. Von freundlichen Niederländern einerseits, die, so sie die Anfahrt durch das enge Sellrain-Tal nervlich überstehen, in dem gemütlichen Familien-Skigebiet friedlich rumrutschen können. Und von Tourengehern aus dem süddeutschen Raum andererseits, die nur hier die Felle auf einer Höhe montieren können, die bis weit in den Mai hinein ausreichend Schnee garantiert. Diese beiden höchst unterschiedlichen Gruppen eint ein unerschütterliches Desinteresse an der Beobachtung von jungen Mitmenschen, die sich, in eine grelle Gummihaut gezwängt, todesmutig zu Tale stürzen.

Die Tradition des so verlässlich friedvoll verschneiten Ortes ist eng verbunden mit der Sippe derer zu Stolberg. Ihren etwas eigentümlichen Grafen Karl hatte es in den 50er Jahren hierher verschlagen, den alten Jagdsitz der Franz-und-Sissi-Familie für einen gerade aufkommenden Winter-Tourismus umzubauen. Was zunächst bedeutete, den engen Fahrweg so weit auszubauen, dass er wenigstens an den meisten Winter-Tagen ohne Lawinengefahr benutzbar wurde. Man erinnere sich: Es gab Zeiten, da wurde Schnee in den Bergen noch als Bedrohung verflucht und nicht als kaltes Geschenk des Himmels ersehnt.

Die Strasse ins Kühtai war dann auch eines der Sorgenkinder der Organisatoren, die drei Tage vor Weihnachten beschlossen, den Skisport drei Tage nach Weihnachten eben dort auszuüben, wo dies die Natur auch zulässt. Denn, klar, es mussten nicht nur ein paar talentierte Skisportlerinnen durch Eis und Schnee gefahren werden. Sondern dazu dutzende Sattelschlepper voll Gerät und ganze Hundertschaften von Zirkus-Gehilfen, unter Einschluss des Österreichischen Bundesheeres. Sie alle schippten und schraubten von früh bis spät, selbst am heiligen Abend, mussten nachts aber erschöpft wieder ins Tal. Denn in den Herbergen des kleinen Ortes war kein Stall, schon gar kein Zimmer mehr frei.

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Was es für das Jagdschloss Kühtai, noch heute das einzig tolle Haus am Platz, bedeutet, wenn buchstäblich vor seiner uralten Tür ein komplettes Weltcup-Zirkus-Quartier aus dem Boden gestampft wird, kann man sich vorstellen. Da muss der Hausherr, Karls Sohn Christian Graf zu Stolberg, Fans verscheuchen, die in den alten Gemäuern „Fernsehschauen“ wollen, den Glühwein aus dem Zirkuszelt noch in der Hand. In der spätgotischen Zirbenstube hockt derweil die Landes-Polizei, die knarzenden Funkgeräte am Gürtel. Und am Morgen sehen die Gäste aus den historischen Fürstenzimmern durch Bleiglasfenster das Gewusel auf der Weltcup-Piste. Aber nicht ab zehn, halb elf, wenn sich Kühtaier Urlauber gewöhnlich von den reich gedeckten Frühstücksbüffets losreissen. Sondern tatsächlich ab 6.30 Uhr. In kalter und finsterer Nacht. Den Weg weist den eiligen Königinnen des Skisports der Lichtschweif der Flutlichter.

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Der Rest des Skigebietes ist an den Weltcup-Tagen verwaist, was die Kühtaier Hotelgäste nicht wirklich betrübt. Denn die Tagesgäste aus dem matschigem Tiefland müssen die gesperrte Zufahrtsstrasse mit Shuttle-Bussen überwinden. Die Liftgesellschaft hat den Deal mit dem Skizirkus eingefädelt und wird sich wohl kaum beschweren. Zumal jetzt auch Menschen, die keine Kenntnis von Höhenlinien und ihrem Einfluss auf Schneemengen haben, aus der Glotze erfahren wo der Schnee ist, wenn nirgends Schnee ist. Und alle, die den Anblick von Zirbel-Kiefern jenem von Dixie-Toiletten vorziehen, trösten sich mit der Gewissheit, dass die Karawane schon nach zwei Tagen weiterzieht. Mitsamt des militärischen Verbaus, mitsamt der bunten Zelte voll von selig besoffenen Fans und dem hier oben unbekannten DJ-Ötzi-Gewummer.

Der Zirkus ist weg, das Kühtai wieder weiss.

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Unterkunft: Hotel Jagdschloss Kühtai, www.jagdschloss.at, 0043 5239 5201;
Dortmunder Hütte (DAV), www.dortmunderhuette.at, 0043 5239 5202.