In der Küche ein Inder

Moroder Comploj TrenkerIn so einem kleinen Tal wie dem Grödnertal, dem Val Gardena, wundert es nicht, dass so ziemlich jeder mit jedem irgendwie verwandt ist. Da ist der Hüttenwirt und Standseilbahnbesitzer Peter Comploj, dessen Großvater der Onkel von Luis Trenker war. Mit ihm am Tisch im Chalet Resciesa sitzt Leander Moroder, Vorsitzender der ersten Rodelclubs Südtirols. Dieser wiederum ist Cousin 2. Grades des großen Musikproduzenten und Komponisten Giorgio Moroder, der eigentlich Hansjörg heißt, und gerade mit Daft Punk ein Revival erlebt.

Sellaronda AusblickNun gut, der eine ist lange tot und der andere hat schon vor Jahrzehnten St. Ulrich, sein Heimatdorf, verlassen. Aber die Gene des Anders-Seins scheinen durchzuschlagen. So hat der Peter Comploj es durchsetzen können, statt des zwar höchst nostalgischen, aber durch und durch hinfälligen und gefährlichen Einersessellifts eine hochmoderne und nicht ganz billige Standseilbahn von St. Ulrich auf die Raschötzer Alm zu bauen. Sie befördert die Rodler und Wandersleut in acht warmen Minuten statt einer knappen und kalten halben Stunde zu seiner Hütte. Umstritten war das Projekt, Naturschutzglaubensfragen wurden aufgeworfen. Doch nun steht sie da und alle finden sie toll. Wie die Hütte „Chalet Resciesa“, die Wanderern, Rodlern und Ausflüglern in einer sehr urigen, an manchen Stellen etwas verkitschten Stube hervorragendes Südtiroler Essen kredenzt. Sogar sechs Übernachtungszimmer warten auf Belegung, die mit 130 Euro pro Nase und Nacht allerdings nicht zu Schnäppchen gehören.

Sellaronda_LangkofelIn der exzellenten Küche der Hütte steht ein Inder. Und der versteht das echte Südtiroler Essen wie kaum ein anderer, findet sein Chef, der Peter Comploj. Seit über 20 Jahren lebt dieser hier in diesem dreisprachigen, ladinischen Ort. Neben der Saison geht er immer wieder in die Lehre zu den besten Sterneköchen Südtirols. Man schmeckt es.

Und der Moroder Leander? Eine künstlerische Ader fließt durch seinen Körper, war er doch in früheren Zeiten Kunstlehrer im Tal. Heute widmet er sich dem Rodeln. Als Vorsitzender des 1. Rodelclubs in Gröden. 1895 von dem Wiener Gast Terschak ins Leben gerufen, wurde der Club damals vom Pfarrer im Ort von der Kanzel herab des Teufels bezichtigt und bekämpft. Jetzt ist Rodeln geachteter Wettkampfsport und großer Familienspaß, den man vor allem auf der sechs Kilometer langen und gut präparierten Rodelbahn von der Hütte ins Tal erleben kann.

Überhaupt ist die Hüttenkultur rund um die Sella Gruppe sehr ausgeprägt. Nun soll hier kein Bericht über Gourmetskifahren und Einkehrschwünge auf der Sellaronda stehen. Dafür ist die Umrundung des Sella-Massivs mit seinen 26 Kilometern reine Abfahrt viel zu schön und anspruchsvoll. Man muss sich entscheiden, ob man mit oder gegen den Uhrzeigersinn in die Runde einsteigt.

Sellaronda_SchildWir entscheiden uns für den Uhrzeigersinn und starten vom Monte Pana aus, dessen Lifte und Pisten direkt an der 1000 Meter steilen Felswand des Langkofels vorbeikommen. Allein dieser Blick, wenn das Felsmassiv unversehens aus dem Nebel auftaucht und die Sonne ihn kräftig bestrahlt, lässt einen fast ehrfürchtig werden. Auf dem ganzen Weg um die Sella-Gruppe verändert sich ständig die Perspektive auf die umliegenden Dolomiten. Glatte, steile Felswände wechseln mit bizarren, zerklüfteten Felsformationen ab, das Dreidimensionale wird spürbar. Pisten unterschiedlicher Schwierigkeitsgrade fordern heraus oder lassen entspannende Schwünge zu.

Obwohl die Sellaronda je nach Richtung mit orangefarbenen oder lila Schildern ausgewiesen ist und man nicht den Weg verfehlen kann, verlassen wir uns voll und ganz auf unseren Guide Alan Paranthoner, dem ehemaligen Mitglied der italienischen Alpinski-Nationalmannschaft. Er scheucht uns in Gondeln oder Sessellifte und macht uns Mut, wenn der Magen schon knurrt. Und der knurrt nach über 4 Stunden volle Power fahren ganz gehörig. Langsam aber sicher regrediere ich zum Kind. „Ist es noch weit?“ – „Nein, jetzt samma glei da“. Dieser Dialog wird die letzte Strecke zum Ritual, bis wir endlich vor der Hütte Piz Seteur halten.

Skischaukel Sella-RundeDie große, rustikale Hütte mit neun Zimmern und einem kleinen Saunabereich mit großem Blick hat unten den Selbstbedienungsbereich, im ersten Stock liegt das Restaurant. Die Auswahl der Speisen wie selbstgemachte Tagliatelle mit Wildschweinragout und schwarzem Trüffel oder Lammkoteletts ist nicht groß, aber exquisit – auch preislich. Für die Hausgäste hat der Wirt extra einen kleinen aber extravaganten Saunabereich eingebaut: mit einer Extraportion Blick auf die grandiosen Berge.

Eine ähnliche Augen- und Magenweide ist die Hütte Costamula de Sot, die an der längsten Abfahrt Grödens, der „La Longia“, liegt. Das unter Denkmalschutz stehende Bauernhaus von 1608 kauften, schon heruntergekommen, Arno und Manuela Mahlknecht bereits 1988, ohne zu wissen, was die damit anfangen sollten. Erst 2010 begannen sie mit der Renovierung und Umgestaltung in eine Einkehrhütte. Obwohl die Bezeichnung Restaurant es wohl besser trifft. Innen wurde die Einteilung des Bauernhauses weitgehend beibehalten, alte Hölzer vorsichtig entfernt, bearbeitet und in der alten Stube wieder eingesetzt. Vorne bieten große Holztische den Gästen Platz. Der Heuboden ist großer Veranstaltungsraum. Und bei Sonnenschein sitzen eh alle draußen auf der großen Sonnenterrasse.

Also sind wir doch wieder bei den Hütten angelangt. Und ohne in jede einzelne auf den Pisten eingekehrt zu sein – dazu ist die Vielfalt zu groß und die Dichte zu hoch – drängt sich der Verdacht auf: Die Grödner im Allgemeiner und die Ladiner im Speziellen legen großen Wert auf eine Hütten-Kultur – und nicht Hüttengaudi-Kultur. In den seltensten Fällen gab es Zwangsbeschallung, und die Vielfalt der Speisen war auch außerordentlich. Wie viele der Köche allerdings aus Indien stammen, haben wir nicht herausgefunden.

Chalet Rescieda/Berghaus Raschötz
Raschötzeralm
I – 39046 St. Ulrich in Gröden
Tel: +39 335 563 0007
E-mail: chalet@resciesa.com
www.rescieda.com

Piz Seteur
Stuffer Alan & Co. Ohg
Plan de Gralba 30
I-39048 Wolkenstein
Tel: +39 339 712 74 79 | Fax +39 0471 794 286
E-Mail: info@pizseteur.it
www.pizseteur.it

Costamula da Sot
Fam. Mahlknecht
Via Cuca Strasse 184
39046 Ortisei/St.Ulrich(BZ)
Tel: Arno: +39 335 8163073
Tel:Manuela: +39 339 1467266
E-Mail: info@costamula.com


www.costamula.com