Pulverschnee wäre schön

2013-03-04 09.25.53Täuschen lassen sollte man sich nicht: Von dem kleinen Dorf, das sich hoch über dem Felsabbruch auf ein kleines Sonnen-Plateau schmiegt. Kleine, geduckte Häuser aus dunklem Holz, die eigentlich der walisischen Bauweise entsprechen, obwohl Mürren im Berner Oberland liegt. Gut präparierte Pisten, die direkt in den autofreien Ort hineinführen. Modernste Gondelbahnen, Sessellifte und eine Standseilbahn, deren Trasse aus dem vorvorigen Jahrhundert stammt. Denn das Gebiet rund um das Schilthorn, als anspruchsvolles Familienskigebiet in der Eiger-Mönch-Jungfrau-Region bekannt, ist – noch – ein Geheimtipp für Freerider und Off-Pist-Freaks.

Freeride-Abfahrt Schilthorn SchweizBei strahlendem Sonnenschein begeben wir uns mit Bergführern der Mammut Alpine School ins Gelände, ausgestattet mit absolut obligatorischen Lawinensuchgeräten und Lawinenairbags. Vor uns, jenseits des Lauterbrunnentals, strahlt uns das Schweizer Dreigestirn der Berge an: Eiger-Mönch-Jungfrau. Wenn das kein Blickfang ist! Der Schnee auf der Piste ist noch glatt und unverbraucht. In den ersten leichten Hängen, die wir abseits der Piste befahren, haben schon etliche Skifahrer vor uns ihre dauerhaften Spuren hinterlassen. Pulverschnee wäre schön.

Freeride Map FRM hilft zur Orientierung im GeländePulverschnee wäre ein bisschen viel verlangt für die späte Jahreszeit. Trotzdem fühlt es sich gut an, sich langsam ans Gelände zu gewöhnen. Schließlich haben unser Skiführer mehr mit uns vor. Sie führen uns nicht nur an uneinsehbare Off-Pist-Stellen, sondern wir sollen dann auch erkennen, ob wir dort überhaupt heil herunter kämen. Denn in dieser Gegend sind viele Speedglider – oder Speedflyer – unterwegs, die locker und sicher über verdammt hohe Felsen hinab springen. Wer also unbedacht solchen Spuren folgt, kann sich in Lebensgefahr bringen. Und weil wir nicht vorhaben, solche Dinge zu tun, konsultieren wir die neuen Freeride Maps, die seit der Wintersaison für einige Freeride Hot Spots konzipiert wurden. Das Schilthorn und die Jungfrau Region gehören mit dazu.

Skitouren gehen am Schilthorn,Wer eine Karte lesen kann, ist klar im Vorteil. Im Gelände orientiert man sich mit ihr wesentlich besser, als sie ohne Ortskenntnisse deuten zu wollen. Wir erkennen absolute Gefahrenstellen, heikle Passagen, die nur für absolute Könner (wörtlich gemeint) geeignet sind und eine Menge Hänge, die für gute bis sehr geübte Geländerfahrer tolle Abfahrten bieten. Diese stürzen wir uns freudig hinab – nicht ohne vorher den Stand der Lawinengefahr abgeklopft zu haben.

Skitour durch LawinenabgangAm nächsten Tag steht eine Skitour an. Dank der Auffahrt aufs Schilthorn sind nicht so viele Höhenmeter zu überwinden. Die Abfahrt ab dem Drehrestaurant Piz Gloria bis auf einen Sattel auf 2628 erweist sich als ziemlich eisige Angelegenheit, die aber von einem recht angenehmen Aufstieg über die rote Härd bis auf die auf Hundshoe wettgemacht wird. Wir fahren über den Hundshubel bis zur Rotstockhütte ab, wo der Schnee aufgrund seiner Lage noch recht locker ist. Welche Lawinengefahr im Frühjahr auch ohne große Schneehöhen auf den Südseiten herrscht, sehen wir beim Aufstieg von Wasenegg hinauf zum Grad. Beim Einstieg in den Aufstieg hatten sich einige Tage zuvor etliche Nassschneelawinen gelöst, deren betonharte Brocken wir auf den ersten hunderten von Metern überwinden mussten. Ein durchaus unangenehmes Gefühl… Dafür belohnt uns eine wunderbare Abfahrt von ca. 2340 m über Schilt, bis wir schließlich wieder bei der Talstation Mürren ankommen.

Skiort Mürren im Berner OberlandNach diesen eindrucksvollen Touren und Tagen ist es schwer sich vorzustellen, wie im Sommer statt herausfordernder Wintersportler vor allem flachländische Asiaten den Ort Mürren und das Schilthorn einnehmen. Sie streben keine körperlichen Herausforderungen an. Sie wollen einen freien Blick auf Eiger, Mönch und Jungfrau. Und den bekommen sie wahrlich so aufgereiht und nah nur hier.

Fotos: Daniel Wissekal/bergsteigen.at; Mammut