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Gloria und Glanz

ulten_titel BildFritz Pichler, ein Fotograf und Kameramann aus Südtirol, hat jahrelang den Verfall einst mondäner Grand Hotels dokumentiert. Seine Impressionen hat er „Spuren“ genannt. Mit Sound auf dem MONTE-iPad-Magazin.

Im Sommer, wenn die Saison endlich „aufgegangen“ war, saß der kleine Pichler-Fritz am liebsten auf einem Baum neben dem Palasthotel und verschwand in seine Traumwelt: „Ich erinnere mich noch genau an die eleganten Damen, die hübschen Kindermädchen mit den Kinderwägen, die wunderschönen Autos, die nun im Dorf waren, die Feste, Bälle und Modenschauen. Alle diese eleganten Menschen, auf den sommerlichen Terrassen, in den Sälen, im Park.“

Fritz war der Sohn des Metzgers von Gossensass, einem kleinen Ort im Eisacktal in Südtirol. Die Metzgerei seiner Eltern stand direkt neben dem magischen Palasthotel. Manchmal durfte der kleine Fritz der Küche Fleisch bringen. Diesen Liefergang genoß er besonders, weil er einfach schauen durfte – auf all die Säulen und Treppen und Giebel, die Gesellschaftsräume und Sportanlagen. „Manchmal habe ich Tennisbälle aufheben dürfen“, erinnert sich Pichler, „und das hat dann immer ein bisschen Geld gegeben“.

Dieses Schauen, diese Flucht in die Bilder, damals in den 50ern, hat ihn nicht mehr losgelassen. Kameramann ist er geworden, bei der italienischen Fernsehanstalt RAI, und nebenher hat er immer gerne fotografiert. In den 60ern begann das Palasthotel in Gossensass sich zu verändern. Die ersten Autobusse kamen und mit ihnen die Massen. Der gediegenen Gästeschar missfiel das zusehends. Sie suchte andere Ziele für ihre Inszenierung der Sommerfrische und zog Jahr für Jahr mehr Leben aus dem Palasthotel. Die über 100 Angestellten wurden nicht mehr benötigt, das Haus bekam nicht mehr die Pflege, die es eigentlich verdiente. Es vergammelte und wurde irgendwann in den 70ern still und leise geschlossen. Nicht einmal der in Mode kommende Wintersport und all die neuen Liftanlagen an den Hängen brachten Rettung.

Den anderen „ersten Häusern“ in Südtirol erging es genauso. Nach und nach schlossen das Grand Hotel Dobbiach, das Grand Hotel Wildbad Innichen, das Grand Hotel Penegal, das Grand Hotel Esplanade, das Mitterbad, das Hotel Posta. Es war das traurige Ende einer mondänen, einer rauschenden Reisewelt.

Im Jahr 1986 begann Fritz Pichler eine fotografische Spurensuche. Sieben Jahre lang besuchte er all diese Häuser, um ihren Verfall, ihr Verschwinden zu dokumentieren: „Immer wenn ich hineingegangen bin, war da diese Stille in den Sälen. Bei mir hat das gleichzeitig wieder die Geräusche meiner Kindheit geweckt, ich habe ja die Musik gespeichert und das Klappern aus der Küche und von der Terrasse des Palasthotels. Und diese Tonkulisse, die ich aus der Vergangenheit mittrage, die hat sich bei mir dann auch bei den anderen Hotels aktiviert. Ich bin zum Beispiel im Wildbad Innichen gesessen und habe wieder die Stimmen aus den Palasthotels gehört.“ Eigentlich, so der 1943 geborene Pichler, sei er ein Kameramann, der mit Bildern Geschichten erzählen möchte: „Selbst in einer zerstörten Küche finde ich noch etwas Schönes. Es sind so viele Sachen, die den Menschen nicht mehr auffallen.“ _ Text: Monika Platzer/Stefan Ruzas Fotos: Fritz Pichler/Touriseum