weisswurstparty05 Bild

Hahnenkamm in Kitzbühel: Stanglwirts Weißwurstparty

weisswurstparty05 BildLegendär oder nur Legende? Ein bizarres Spektakel ist die „Weißwurstparty“ beim Stanglwirt im tirolerischen Going allemal. Jahr für Jahr.

Vor der Garderobe sind alle Menschen gleich. Sogar die viel zu schöne Chiara Ohoven und ihre Frau Mama, die immer da sind, wo die anderen sind, müssen sich da anstellen, wo alle stehen. Als sie an der Reihe sind und einen Obolus von zwei Euro zu entrichten haben, fehlt den überaus wohltätigen Damen natürlich das nötige Kleingeld. Während die Tochter in ihrem Täschchen nach Scheinen nestelt, zupft ihre Mutter von hinten besorgt Chiaras Bluse zurecht, die vorne schier zu platzen droht. Mit Schritten im „Und jetzt wir!“-Rhythmus stöckeln sie wenig später den weißen, endlosen Zeltgang hinab in Richtung Menge. Wie von der Ferne bedient, bleiben sie plötzlich stehen. Fotografen bauen sich auf. Die junge und die scheinbar nur wenig ältere Ohoven, „Society-Damen“ aus Berufung, posieren artig und schmollen mit ihren ohnehin schon prachtvollen Lippen noch ein wenig mehr.

weisswurstparty06 BildEs ist angerichtet. Die 17. „Weißwurstparty“ beim Stanglwirt in Going. Der Sage nach ist sie nur deswegen entstanden, weil sich damals, vor 17 Jahren, bayerische Hausgäste beim Tiroler Wirt Balthasar Hauser darüber beschwert hätten, dass es am Abend vor dem Hahnenkamm-Rennen keine ordentlichen Weißwürste und kein ordentliches Weißbier gäbe. Und das ließ sich ein Hauser-Balthasar, der nicht nur mit dem Beckenbauer-Franz oder dem Hinterseer-Hansi per Du ist, natürlich nicht zwei Mal sagen.

Die Ohovens verschwinden in der stehenden, tanzenden und trinkenden Menge und haben nur ein Ziel – den VIP-Balkon. Von dort oben hat man einen herrlichen Blick auf die da unten. Vorausgesetzt, man hat ein silberfarbenes Plastikbändchen und der Mann von der Sicherheit läßt einen durch. Dort oben jedenfalls bekommt man die Weißwurst-Pärchen mit dem süßen Senf gebracht. Und den Champagner sowieso.

Unten schiebt sich ein kerniger, blonder Bursche mit seiner Mädchenschar durch’s Volk. Seine Pranken tragen stolz einen Eiskübel vor sich her. Wie einen Pokal. In dem Kübel stecken eine Flasche Veuve Cliquot und diverse Dosen Red Bull. Schade nur, dass der Bursche so gar keinen Platz findet, den Kübel irgendwohin zu stellen. Es ist voll, in Hausers Lippizaner-Reithalle, sehr voll. Die 2500 Eintrittskarten, die immerhin zwischen 99 und 350 Euro kosten, sollen schon seit Wochen ausverkauft sein. Die Ansicht von Gästen wie Ex-Formel-1-Star Ralf Schumacher nebst Gattin Cora, Ex-Formel-1-Ass Gerhard Berger, Ex-EU-Kommissar Franz Fischler, Ex-Dieter-Bohlen-Gefährtin Nadja Abd el Farrag, Ex-Hugo-Boss-Designer Werner Baldessarini, Ex-Medienunternehmer Florian Haffa, Ex-Hochspringer Carlo Thränhardt, Ex-Miss-Universum Oxana Fedorova oder Ex-Fußballer Hansi Müller möchte sich verständlicherweise niemand entgehen lassen. Erst recht nicht natürlich den späteren und späten Auftritt von Ex-Pop-Superstar Gloria Gaynor.

An der Rezeption des noblen Bio-Hotels blitzt es ohne Unterlass. In einer Ecke wurde ein Fotostudio aufgebaut. Auf einer überdimensionalen Reit-Weißwurst nehmen immer wieder Damen und Herren Platz und lassen sich bereitwillig fotografieren. Viele von ihnen tragen Tracht, bei manchen baumelt um den Hals ein in Folie geschweißter „VIP-Ausweis“ eines namhaften Druckerherstellers. Daneben steht ein Hausgast offensichtlich asiatischer Herkunft, der im Gedränge den Reißverschluß seiner Steppjacke ganz nach oben zieht und den Kopf schüttelt. Er schaut, schüttelt den Kopf und sagt dann seinem Begleiter: „This is a fucking zoo, man, let’s go!“ Die beiden gehen.

Während draußen Bindfäden den Schnee wegregnen, wird drinnen gekaut und gesungen. Manchmal sogar gleichzeitig. Eine blondierte Dame mit einem kecken, roten Oberteil sitzt an einem der Hochtische und singt vernehmbar „Ich war noch niemals in New York“, während in ihrem Mund weiße Wurstreste leuchten. Warum auch nicht, schließlich spielt auf der weit entfernten Bühne die Band „Sumpfkröten“ auch gerade „Ich war noch niemals in New York“.

weisswurstparty03 BildVor den goldglänzenden Aufzugtüren des Hotels blenden allerlei Lampen von Fernsehkameras auf. Er ist da, der 75-Jährige Richard „Mörtel“ Lugner und seine neue dirndl-bewehrte Gespielin, die kaum 30 sein dürfte. Während der ewige Bauunternehmer Radio- und Fernsehmenschen bereitwillig Auskunft über seinen Gemütszustand und seine weiteren Pläne gibt, wandert seine rechte Hand erst zum unteren Rücken, dann zum Gesäß seiner Begleiterin. Mit sicherem Griff zwingt sie seine Hand schließlich zur Ruhe. Plötzlich öffnet sich die Aufzugtür. Ein Bediensteter will mit einem Kofferwagen den Lift verlassen. Es gelingt nur mit Mühe, in seinem Gesicht steht Not.

Wenige Meter hinter Lugner wird es ganz heiß. In einem großen, aufgeschnittenen Sudfaß warten Hunderte von Weißwürsten auf baldigen Verzehr. Geliefert hat sie der Miesbacher Toni Holnburger, den man gerne auch „Weißwurst-Papst“ nennt. 5000 seiner Prachtstücke werden in dieser Nacht geschnitten, gegessen oder gezuzelt – darunter auch Feinschmeckerkreationen wie Trüffel-, Champagner- oder Edel-Curry-Weißwurst. Aber die werden dann doch eher in der Rolex-Lounge kredenzt.

Die „Sumpfkröten“ machen Pause und genau in diesem Moment entsteht inmitten der wogenden Menge ein kaum vorstellbarer Tumult: Gloria Gaynor kommt und alle wollen sie unbedingt aus der Nähe betrachten. Kameramänner rempeln Kameramänner an, Fotografen steigen auf die Tresen der Rezeption. Es ist wie die Ankunft von Papst Benedikt, Robbie Williams und Jürgen Klinsmann in ein- und demselben Moment.
Die Politik hält sich lieber fein raus. Die Partei- und Landesoberen aus Österreich haben sich in einen ruhigen Seitentrakt des Stanglwirts zurückgezogen und belieben zu speisen. Zum Kaffee musizieren eine Handvoll heiterer wie hervorragender Musikanten aus dem Zillertal. Die Gruppe „Sasa“. Die Männer geben Lieder wie „Ich möcht‘ der Knopf an deiner Bluse sein“ zum Besten.

Draußen, auf der Straße drängen sich die Autos, Auf einem schwarzen Porsche Cayenne prangt ein Aufkleber: „Club Roma Salzburg“. Werbung für ein besonders nobles Bordell.

_ Text: Stefan Ruzas Fotos: Stanglwirt/Stefan Ruzas

www.stanglwirt.at