Im Nichts sieht man manchmal mehr

026Die ideale Vorbereitung für die Teilnahme an einem Riesentorlauf des Winzer-Wedelcups im österreichischen Hochzillertal ist denkbar einfach: Vor dem Start ein Glas – oder waren es zwei? – von dem mittelburgenländischen Rotwein, dem der Winzer Walter Kirnbauer den rätselhaften Namen „Das Phantom“ gegeben hat. Dazu drei oder vier buttrige Brote und dann husch, husch in den Konzentrationstunnel, bis der redselige Kommentator die Nummer 20, also mich, ins Starterhäuschen bittet.
Der Blick auf den Parcours direkt neben der Kristallhütte ähnelt dem in meinem Kopf: etwas vernebelt. Gerade mal zwei der von einem leibhaftigen österreichischen Skiverbandsfunktionär gesteckten Tore sind hinter der Schranke des Zeitmessers zu erkennen, dahinter – ein Nichts aus Wolken. „Henkersabfahrten“ werden die letzten Ski-Trips zum Saisonende im April gerne genannt. Das passt.
Winzer-Wedelcup 2013Die Teilnahmebedingungen für die zweite Auflage des von der Tiroler Schultz-Gruppe organisierten Winzer-Wedelcups sind so ungewöhnlich wie die gepflegte Kombination aus Weinverkostung und Skirennen. Nicht der Schnellste der 64 Teilnehmer gewinnt, sondern derjenige, der am nächsten an der durchschnittlichsten Zeit dran ist. Endlich also wird Mittelmaß auch mal angemessen belohnt. Nur: Bei der Premiere des Winzer-Wedelcups im Jahr 2012 strahlte die Sonne schier unerbittlich. Dieses Mal ist alles anders.
Mein Start ist, nun ja, aus zeittaktischen Gründen eher verhalten. Eine mit grüner Lebensmittelfarbe gezogene Spur weist den Weg durch die roten und blauen Fahnen. Die Zuschauer am Start und den Dauersprech des gutgelaunten, dauersprechenden Startkommentators lasse ich hinter mir und tauche ein in die nebulöse Welt einer mir völlig unbekannten Rennstrecke. In der zügig gleitenden Hocke geht es nun voran, die Schultern wie bei den Profis an den Kurvenfahnen stets auf Tuchfühlung. Ab und an sehe ich im Nichts einen schemenhaften Streckenposten, sonst wenig.
Ob es das rote Phantom ist, dass aus dem Stochern im Nebel plötzlich ein ungemeines Wohlgefühl entsteht, dass mich noch während der Fahrt juchzen läßt? Ein Gefühl, irgendwie verloren gegangen zu sein und trotzdem in Watte verpackt. Ein Gefühl, als sei dieses heitere wie rätselhafte Rennen nur für mich veranstaltet – weil da ja sonst eh keiner ist. Ein Gefühl, mit Skiern einfach aus der Zeit gefahren zu sein. Raum gibt es in dem Wolkennebel sowieso nicht.
Auf der schwach grün leuchtenden Spur geht es nun in flottem Schuss und beharrlich hockend talwärts, immer auf der Suche nach dem nächsten Tor, aber ohne Ahnung vom Ziel. Eigentlich, so denke ich voll des staunenden Glücks, sollte es auf immer und ewig so weiter gehen. Eine Schussfahrt ohne Sicht, ohne Ziel, ohne Ende. Geborgen. Im Verborgenen.
Aber es geht weiter. Noch zwei Kurven, noch eine Gerade, die sich irgendwie anfühlt wie ein Anstieg und plötzlich tauchen da im Nichts zwei rote Fahnen auf und ein Motorschlitten und ein Menschenhaufen mit Zahlen auf Brust und Rücken. Also doch ein Ziel.
Winzer-Wedelcup - ZielEine schier endlose Fahrt ist mit einem Mal zu Ende. Zurück in Raum und Zeit. Mit einem Glas kühlen Winzer-Schaumwein in der Hand. Und der ungefähren Gewissheit, kein Durchschnitt und Mittelmaß zu sein. Zumindest nicht bei der anschließenden Preisverleihung.

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