Neues aus dem Norden Südtirols

IMG_1833Oben am Brenner, auf der Höhe des viel befahrenen Alpenpasses scheiden sich nicht nur die Wasser von Sill und Eissack, hier scheiden sich auch die Geister. Auf der Nordseite liegt das österreichische Bundesland Tirol, in dem für Fremde und Verkehr reichlich Natur und Kultur plattgemacht wurde, um zahllose 4-Sterne-Scheußlichkeiten zu errichten, mit griechischen Säulen ums Keller-Planschbecken. Auf der Südtiroler Seite gab es mehr Licht, womöglich mehr Geschmack, vielleicht aber auch nur ein paar Jahre mehr Zeit, um alte Balken und Stuben vor der Zerstörung zu retten. Ganz offensichtlich aber hatte man oft die Ruhe, vor der Errichtung eines neuen Beherbergungsbetriebes einen Architekten zu befragen. Deshalb sind so viele unserer tiroler Lieblings-Hotels südlich der Brenner-Grenze. Und deshalb fahren wir stets ganz gerne über den Pass.

Wenn wir das tun, dann begrüsst uns zur Linken seit Kurzem ein mächtiges modernes Gebäude aus Corten, Glas und Granit, das vielleicht keinen Architektur-Preis verdient hat aber zumindest unsere Aufmerksamkeit. Vor allem wenn man den Klotz nicht als Museum betrachtet, was er wohl sein soll, sondern als phänomenale Autobahn-Raststätte, was er in Wahrheit ist.

IMG_1835Warum man ausgerechnet dem eher mittelberühmten Künstler Fabrizio de Plessi das verkehrsgünstige Grundstück der alten Zollstation gewidmet hat, wird wohl immer ein Geheimnis der italienischen Autobahn AG bleiben. Vielleicht wollte man nur die aufmüpfigen Leute aus dem „Alto Adige“ ärgern, mit der Monstranz eines Welschen, im Herzen des alten Tirols. Ausser Frage aber steht, dass Plessis raumgreifendes Oeuvre geeignet ist, den weiten Saal zu füllen.

Wir betreten also ein riesige Halle aus Glas und rostigem Stahl, in der es sowohl lebensgrosse Birkenstämme als auch leuchtende Fernsehapparate zu bestaunen gibt. Für ein Museum mag das, je nach Geschmack, lächerlich oder gewöhnlich anmuten – für eine Autobahnraststätte aber, ist es schlicht eine Offenbarung. Wo man sonst von grellem Werbematerial der Lebensmittelindustrie angebrüllt wird, flüstert sich hier bereits im Entree eine feine Ästhetik ins Gemüt des hungrigen Reisenden. Schon der Autogrill-Schriftzug am Fahrbahn-Rand war dezent in Corten geätzt, weshalb wir, wie wohl die meisten Brenner-Renner, diesen wunderbaren Rastplatz beinahe übersehen hätten.

IMG_1842Weiter geht es an Tisch und Theke. Wo sonst buntes Plastik und falsches Holz den Gast bei der Nahrungsaufnahme umfangen, kann man hier in jeder Hinsicht massiv tafeln. Die Wirtsleute tragen in modischem Braun gestylte Kostüme und servieren Tagliatelle mit Hirschragout zum Preis eines Panino. Sie gucken dabei ähnlich verwirrt wie der Gast, der soviel Schönes und Leckeres tatsächlich noch nie am Rande einer Autobahn gefunden hat.

IMG_1837Wer es eilig hat, bekommt alternativ die appetitlichsten Brötchen südlich des Viktualienmarktes und dazu Café in der gewohnten Autogrill-Qualität. Das Einzige, was man in diesem Museum des guten Geschmackes nicht kann, ist, seinen Tank zu befüllen. Wem jedoch der Sinn nach Entleerung steht, der findet am Ausgang Waschräume mit Designer-Sanitär aus edlem Corian. Spätestens hier wird man dann vom freundlichen Grinsen in ein schallendes Lachen fallen. Egal, was die Italiener uns mit diesem Kunstwerk von Gaststätte sagen wollten – bei uns kommt an: Willkommen im Lande von Sonne und Berge, im Land der knorrigen, kauzigen Kreativen. Willkommen in Südtirol.