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Zu Kopf gestiegen: Gipfelmoshen mit Metal-Fans

gipfelmoshen Bild„Gipfelmoshen“ ist kein neuer Trendsport, sondern Ausdruck für Lebensfreude von Metal-Fans, die gerne ganz oben sind.

Die Bewegung ist eigentlich ganz einfach, verlangt aber festen Stand und ebensolchen Halt. Am besten am Blitzableiter des Gipfelkreuzes. In einer abrupten Vorwärtsbewegung wird der Oberkörper nach vorne gekippt, um ihn dann mit großem Schwung wieder aufzurichten und gleich wieder zu beugen. Die Füße sollten dabei schulterbreit stehen, die Beine leicht angewinkelt. Wirklich Sinn macht das alles natürlich nur, wenn die Haare lang genug sind, um, einer Fahne gleich, hin und her zu fliegen. Hin und her.

Ute, 29, ist Doktorantin für nummerische Mechanik an der Technischen Universität München. Aufgewachsen ist sie in Vagen in der Nähe von Rosenheim. Mit ihrer Freundin, der 27-Jährigen Fotografin Jelena, pflegt sie seit einem Jahr ein überaus skurriles Hobby: „Gipfelmoshen“. Beide nennen sich, das sollte man wissen, „Wortkreationatorinnen“.

Einschlägiger Fachliteratur zufolge kommt das Wort „Moshen“ aus der Musikszene, um es genau zu nehmen aus der „Trash-Metal- und Metal-Crossover-Ecke des Hardcore-Punk“. Was allerdings nicht nur hart klingt. Beim Moshen, so heißt es weiter, „bilden die Tänzer einen Pulk und schubsen sich gegenseitig durch die Gegend, wobei sie sich mit Armen und Schultern abstoßen“. Unter deutschen Metal-Fans gilt aber auch der anfangs bereits beschriebene Haarwurf, den manche auch „Headbangen“ nennen mögen, als Moshen. Moshen ist ein Kunstwort. Es entstand in den 80er Jahren und steht für „starke Emotionen, Chaos“.

Ute und Jelena mögen harte Musik. AC/DC oder Amorphis. Wenn die spanische Gruppe Tierra Santa irgendwo auftritt, reisen sie auch schon mal quer durch Europa. Sie haben schon immer Metal gehört, sagen sie. Wenn sie nicht gerade mal ins klassische Fach wechseln. Jelena kann die Arie der Königin der Nacht aus Mozarts „Zauberflöte“ fehlerfrei mitsingen. Sagt sie. Beide lachen viel, beide sind schon verheiratet, eine hat eine Katze.

Ute und Jelena lieben die Berge, die Natur, die Grenzerfahrung. Fast jedes Wochenende zieht es sie nach oben. Wetter egal. Sie laufen, sie steigen, sie klettern exzellent – und manchmal springen sie sogar. Wie beim „Gattsprung“, einem 1,50 Meter langen Spreizschritt über die tiefe Postalmklamm. Auf dem Weg zum Gipfel unterscheiden sie sorgfältig zwischen „Kuhkrater“ und „Kuhfladen“ und beglücken sich und ihre Weggefährten auch schon mal mit „Jammergutscheinen“. Besonders anstrengende Wege nennen sie gerne „Mördertouren“ und besonders schöne Bilder „arschgeile Fotos“.

gipfelmoshen01 BildVor einem Jahr, auf dem Weg zur 2300 Meter hohen Linderspitze im Karwendelgebirge, kamen sie auf die Idee, das Konzert-„Moshen“ mit dem Bergsteigen zu verbinden. Oben angekommen suchten sie festen Stand und ebensolchen Halt und begannen mit dem wilden Haarwurf. Ganz leise, ohne Musik. Das war die erste Erstbemoshung eines Gipfels, mittlerweile sind es über 70, allesamt liebevoll aufgelistet auf der Internetseite www.gipfelmoshen.de. Rund 20 Leute haben sich der Bewegung der Gipfelmosher schon angeschlossen. Sie führen Buch über jede Bemoshung und halten sich streng an die zehn Gipfelmosh-Gebote. Das erste lautet: „Bemoshe jeden Gipfel, den du erklimmen kannst!“, das zehnte „Nur ein bemoshter Gipfel ist einguter Gipfel!“. Utes Mutter hat auch schon mitgemosht, auf dem Unnütz und dem Breitenstein. Sie ist 58. _ Text: Stefan Ruzas Fotos: Jelena Moro

www.gipfelmoshen.de